Spirits. Believers. Freeminds.
- redaktion849
- 5. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Geister. Gläubige. Freigeister.
Einblicke in unsere Zuhör-Initiative in Kreuzberg
"Das Ohr" am blauen Tinyhaus, am 03. August 2026
by Gunilla

Alice in Wonderland am Südstern
Manchmal komme ich mir montags beim Zuhör-Projekt „Das Ohr“ wie „Alice in Wonderland“ vor. Es ist jedes Mal anders. Heute waren Anh und Wolfgang mit die Tür-Öffner:innen.
Vielleicht ist es so, dass man genau die Menschen mit besonderen Themen anzieht, die mit einem resonieren.
Heute war auch die Französin Camille (Name geändert) mit am Start. Englisch , Französisch Deutsch mit Händen und Füßen - ein herrlich babylonischer Mix. Um uns herum sehr seltsam interessant aussehende Menschen mit ätherischem Sendungsbewusstsein.
Wir stellen uns der Frage, woran wir eigentlich glauben.
Welche Werte uns wichtig sind.
Erst sah ich nur eine Frau, die wie ein bunter Aufsteller verkleidet war. Plakat vorne und Plakat hinten. „Jesus ist Liebe“, „Gott ist Weisheit“ oder so ähnlich, stand darauf. Ich hörte immer wieder Trompetenrufe - drei, vier Töne - wie ein Herold an einem mittelalterlichen Platz, News im Gepäck. Oder wie die letzte Posaune aus der Apokalypse.
Menschen hatten ausgeschnittene bunt-fröhliche, papierne Herzchen mit christlichen Botschaften in der Hand. Ein jüngerer Mann mit langem Bart fragte, ob wir im Tinyhaus Bücher verkaufen, blickte sich im Tinyhaus um und gab uns ein hebräisches „Schalom“ (für Frieden, Wohlergehen) mit auf den Weg.
Energiereiches Interesse am Anderen lag in der Luft. So eine besondere Spannung.
Alice, die Herzkönigin und die Skatkarten
Dann kamen von allen Seiten immer mehr Menschen, die wie Aufsteller - Skatkarten ähnlich - verkleidet, mit Plakaten vorne und hinten um den Platz um das Tinyhaus herumwirbelten, ja tanzten. Eine Frau drehte sich, rechts von uns Richtung U7, selig im Kreis. Sie trug ein rotes langes Kleid. Darauf die Aufschrift „Jesus“ in großen, goldenen Lettern. Sie schwenkte - wild und begeistert - die große Jesus-Fahne.
Dann kamen zwei weitere Frauen in die illustre Manege.
Beide sahen aus wie gypsies (vielleicht Sinti und Roma o.ä. oder ganz anders) - dunkel-gelockte Haare mit langen Röcken. Es kam zu einem Wortgeschrei-Gefecht. Um Gut und Böse ging es. „Evil“ war ein Wort, das fiel. Lautes Frauen-Gekreische, wer denn den richtigen Gott pflegt.
Das kleine, blaue Tinyhaus in der Mitte - wie die neutrale Schweiz.
Um uns herum schienen sie eher eine Art Bogen zu machen, einen Regenbogen. Etwas an uns ist vielleicht (für sie zu) frei gedacht. Die Mitstreiter:innen und Freund:innen der Bürgergenossenschaft Südstern e.V. sind oftmals Freigeister und Freigeistinnen oder zumindest sehr offen in ihrer Art. Zu uns darf jeder kommen und ist herzlich willkommen.
Wir sind da, machen die Tür auf, hören zu, gehen einen Dialog ein. Manchmal urkomisch, manchmal ernst. Manchmal etwas von Allem. Manchmal auch einfach bisschen peinlich, aber zumeist menschlich präsent und stets bemüht.
Geht es bei uns doch einfach um humanistische Werte wie Menschenwürde, Selbstbestimmung, Toleranz und Pluralismus. Gewaltfreiheit mit Vernunft (und Gefühl) und Wissenschaftlichkeit (vs blindem Glauben). Vor allem aber Mitgefühl und Solidarität. Eine Begegnung auf Augenhöhe. So gut es gerade eben geht. Mit Versuch, Irrtum und erneutem Versuch. Reflektieren im Team, Begreifen, Dranbleiben. Menschen eben.
Die kreischenden gypsy-Frauen ziehen ab.
Ich lande in einem Gespräch mit einem wahrscheinlich oder ehemals obdachlosen Mann, über seine besonderen intuitiven Gaben, seine Art der Wahrnehmung, seine tiefen inneren Prozesse: berührend, ehrlich, tief. Eine Umarmung. Schönheit im Augenblick mit uns Menschen. Von Angesicht zu Angesicht als Mit-Mensch.
Das kann ein Schlüssel sein.
Nach kurzer Smartphone-Recherche begreife ich: Die Kirchengemeinde am Südstern feiert ihre „Missionstage“. Jetzt macht es Sinn. Es wird eingeladen, geworben und missioniert.
Für mich ist der Platz - mit dem Tinyhaus - als neutrale Schweiz in der Mitte - und den Menschen rundherum - ein Bild für Götter und Göttinnen. Ich, als staunende "Alice in Wonderland" mittendrin.
Die Menschen mit den Plakaten vorne und hinten sehen aus wie die Ergebenen der Herzkönigin - die Skatkarten als Hofstaat. Der Trompeter, wie das weiße Kaninchen. Ein Herzköniginnenspektakel mit Trompeter aus einem phantastischen Buch der Nonsense-Literatur von Lewis Carroll.
So herrlich und ungewollt absurd. So viele „Spirits“ (Geister), „Believers“ (Gläubige) und „Freeminds“ (Freigeister und Freigeistinnen) auf einem Platz. Ich muss schmunzeln. Das ist urlustig und auch irgendwie sehr schön. Denn sie begegnen sich mit dem Tinyhaus in der Mitte. Der ganze Hofstaat.
Von wem oder was auch immer.
Herzlich Gunilla
"Zuhörerin" bei "Das Ohr".
TOK-Team der BG Südstern e.V.






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