Ohr unterwegs. Zuhören in Berlin!
Aktualisiert: 7. Sept.

Zuhör-Initiativen in Berlin! Mit TOK
Zuhören Berlin - gehört dazu! Wer gehört wird, fühlt sich zugehörig
29.08.2026, 11-13 Uhr
Heinrich Böll Bibliothek, Pankow
Ohr unterwegs.
Eindrücke von Ohren Christian und Gunilla
Teil 1. Zuhören Berlin
Wir haben uns eingeladen, zu einem Gespräch mit Ehrenamtlichen des Projekts „Zuhören Berlin“- in die Heinrich Böll Bibliothek, Greifswalder Straße in Pankow. Das Gebäude gehört zu den Neubauten am Mühlenviertel aus den 70er Jahren. Davor steht eine Skulptur von Heinrich Böll des Künstlers Wiegand Förster. Wir - das sind Gunilla und ich vom TOK Team - wollen Kontakte zu anderen Zuhör-Projekten in Berlin aufbauen und uns gegenseitig vernetzen. Uns interessiert, welche Erfahrungen andere Zuhörprojekte sammeln.
Beim Eintritt durch einen engen Gang, fallen mir in der Bibliothek die geschwungenen Bücherregale auf. Wir nehmen auf gepolsterten Seitenbänken Platz und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Auf einem Podest mit zwei roten Sesseln weisen uns Flyer darauf hin, dass hier ein Zuhörprojekt stattfindet. Darauf seht: „Erzähl uns, was dich bewegt“ und „Wer gehört wird, fühlt sich zugehörig“.
Schnell finden wir Kontakt zu S. von der Initiative, die uns freundlich mit Tee empfängt und mit uns in einer stillen Ecke ins Gespräch kommt. Wir tauschen uns aus über Erlebtes. Das Gespräch wird sehr persönlich, was ich als angenehm empfinde.
Ich merke, wie wichtig es ist, dass wir auch als Zuhörende Gehör finden müssen.
S. hat einmal in der Dieffenbach Straße gewohnt, kennt aber unser Kiezkiosk nicht. Sie macht die Arbeit für Zuhören Berlin neben ihrer hauptberuflichen Arbeit ehrenamtlich. Trotzdem will sie einmal versuchen, uns montags, wenn wir dort „Das Ohr“ aufmachen, zu besuchen.
Auf jeden Fall will sie über uns, den Initiatorinnen Stefanie Puls und Marie Nebelung, berichten.
Vielleicht kann daraus eine schöne Kooperation werden.
Ohr Christian
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Das Leben ist eine Baustelle
Obwohl wir beide - Christian und ich vom „Ohr“ am Montag - diesen Samstag auch gut im heimischen Kreuzberg hätten verbringen können, entschließen wir uns, das Projekt „Zuhören Berlin“, im Bezirk Pankow, zu besuchen!
Treffpunkt: Heinrich Böll Bibliothek, Pankow
Ich fühle mich wie eine Zeitreisende. Schon der Weg von Kreuzberg dorthin, ist abenteuerlich. Bahnhof Alexanderplatz, ein derzeit verlassener Ort. Ich irre etwas verloren umher und suche die M4. Ich frage einige Passanten aus vielen Ländern. Doch niemand weiß, wo die Tram M4, im Moment wegen Baustelle, abfährt. Apropos Baustelle. „Das Leben ist eine Baustelle“, ein Film von 1997, an den ich mich erinnern muss. Genau so wie an den Film „12 Monkeys“ von 1995. Ich würde mich nicht wundern, wenn am Alexanderplatz auch ausgebrochene Affen, Elefanten und Tiger herumlaufen würden. Es würde aber sowieso niemand stören. Dass auch immer alles gleichzeitig kaputt gehen muss. Und wenn alle Geschäfte am Bahnhof Alexanderplatz geschlossen sind, ist es schon sehr leer und einsam in Berlin.
Apropos einsam
Aber genau deswegen machen wir uns auf den Weg. „Zuhören“ als Demokratie- und Empathie förderndes Lernfeld - wird mir zumindest- immer wichtiger. Daher wollen wir auch andere Zuhör-Initiativen in Berlin kennen lernen. Vielleicht sogar ein feines Netzwerk weben. Da geht was.
Das treibt mich an und motiviert mich, mit der M4, zur Greifswalder Straße zu fahren. Christian steht verlässlich an der Heinrich Böll Statue. Er hat die Ringbahn, von Kreuzberg und Neukölln, genommen. Auch abenteuerlich, sagt er. Wir sind ja nur Kreuzberg gewöhnt.
Zeitreisen
Der Bau, in dem sich die Heinrich Böll Bibliothek befindet, erinnert mich stark an Bauten aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. von 1978. Wieder eine Zeitreise. Nicht wirklich einladend. Die Fassade - brutalistischer Beton und ölig schillernde Spiegelfenster á la Palast der Republik. Als wäre ich ein kleines Mädchen von sechs Jahren. Als hätte sich gar nichts, seit damals, geändert. Wir gehen rein und - ehrlich gesagt - besser wird’s drinnen im EG nicht. Die Siebziger setzen sich auch Innen fort. Also eine fröhliche Einladung, wie das Oodi in Helsinki, sieht anders aus. Mal offen lassen. Doch auch die junge Dame an der Bibliothekstheke ist sehr mit irgendetwas Wichtigem beschäftigt. Sie schaut nicht hoch. Kein Willkommen. Das hätte schon viel ausgemacht. Ein einladendes Lächeln kann ja Welten bewegen.
Ohren hören sich zu
Ein Schild „Zuhören Berlin - wer gehört wird, fühlt sich zugehörig“ zeigt uns den Weg. Eine Frau scheint das Gesprächsangebot direkt anzusteuern. Sie wird von einer freundlichen Dame in Empfang genommen. Die Tür schließt sich zum Gespräch.
Dann lernen wir S. von der Initiative kennen. Wir bekommen Tee. Der Ort ist unter der Treppe, Abteilung Grusel und Horror. Sie engagiert sich heute, zwischen ihrer Arbeit, für "Zuhören Berlin" ehrenamtlich. Das ist anrührend zu sehen.
Wir kommen schnell dazu, über Einsamkeit zu sprechen. Auch für sie ist Einsamkeit mittlerweile nicht mehr damit zu lösen, einfach nur mit Menschen sprechen zu wollen und ihnen Raum und Wohlwollen zu geben - und dann wird’s schon gut. Einsamkeit ist komplexer. Manche einsame Menschen, so unser Resümee im Dialog, sind deswegen auch und u.a. einsam, weil sie es sich selbst schwer machen. Sich selbst ausladen. Und punktuell für eigene, komplexe Verhaltens- und Kommunikationsmuster wie blind sind.
Uns tut es gut, uns auszutauschen. „Zuhören Berlin“ ist inspiriert von dem Projekt „Momo hört zu“ aus München. Und S. gibt uns zu verstehen, dass Pop-up Gesprächsangebote leider von vielen missverstanden werden - ähnlich den Gesprächsangeboten der „Zeugen Jehovas“, oder der Frau am Alex, die mit bunter Kreide ihre Liebe zu „Jesus“ aufmalt. Irgendwie seltsam.
Ankommen. Vertrauen fassen. Dritter Ort.
Ein konkreter, ein sogenannter "Dritter Ort", ist geeigneter. Ein bekannter Ort mit Menschen, an denen sich andere Menschen auch langsam gewöhnen können. Die Kolleginnen von „Zuhören Berlin“ bespielen derzeit ihren Zuhörraum in der Heinrich Böll Bibliothek. Es läuft gut an und spricht sich herum.
Wir tauschen Ideen und Möglichkeiten aus. Es tut uns gut, auch mit anderen Zuhörenden und „Ohren“ zu sprechen - was sie antreibt, was sie motiviert, was gut läuft, was schwierig ist, wo Herausforderungen und Grenzen liegen. Auch Gemeinsamkeiten - was man vielleicht auch voneinander lernen könnte, welche Ideen an Weiterbildung und Methoden es gibt. Aktives Zuhören und damit gute Kommunikation ist eine Kunst, an der man, mit Übung, reifen und besser werden kann.
Christian und ich resümieren, dass uns das Erlebte gut tut. Die Trostlosigkeit, das hässliche Gebäude, die Zeitreisen - die dystopischen Stadtlandschaften lösen sich auf.
Wir Menschen können durch unsere Präsenz und Wärme den Unterschied machen, die Dystopie verwandeln, Trost spenden.
Dann kann es ja sogar Spaß machen, in die siebziger Jahre mit den „Kindern von vom Bahnhof Zoo“ einzutauchen. Das macht mir Mut. S. und Christian freuen sich auch. Eine win-win-Situation.
Allesamt mehr, als was wir erwarten konnten. Mal offen lassen. Manchmal befinden wir uns in Zwischenräumen. Das Neue ist noch nicht da. Das Alte ist gerade weg - ein bisschen wie in einem Niemandsland. Vielleicht aber auch einfach ein Raum voller neuer Möglichkeiten und des Werdens. Wer weiß!
Ohr Gunilla






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