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“Das Ohr” der BG Südstern e.V. Einblicke in eine Zuhör-Initiative in Kreuzberg

  • redaktion849
  • 27. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit


Eurovision, Origami und Regenbogen

Teil 1

April 2026

Seit Sonntag hat es durchweg in Kreuzberg geregnet. Es ist klamm. Ich husche von der U8 in die U7, werde sogleich von meinem Mitstreiter W. erkannt und nehme meine Noise-cancelling-Kopfhörer ab. Ab zum blauen Tinyhaus á la Löwenzahn!


Wahrscheinlich kommt heute bei der Kälte niemand, denke ich noch. A. - eine Vietnamesin - kommt fröhlich mit ihrer Bekannten H. - einer Japanerin - herein, die Deutsch lernen möchte. Ich versuche das schöne deutsche Wort “Ehrenamt” zu beschreiben. Dann kommt ein Franzose aus Paris hinzu - er liebt Berlin, hat hier Wurzeln. Er findet den Louvre auch viel zu laut, so eine Schwimmbad-Atmosphäre. Es geht ja alles nur ums Geld, sagt er. Im Musée Picasso ist aber fast niemand.


Wenig später gesellt sich noch eine Mitstreiterin aus den Niederlanden zu uns. Sie liest gerne Zeitungen und denkt bei so manchen Themen an bestimmte Menschen aus unserem Verein. Bringt Kopien für uns mit.


Schade, dass unser Ü. nicht rechtzeitig kommt - er würde die Türkei vertreten. Ich vertrete Finnland, auch wenn ich Halbfinnin bin. W. vertritt Flensburg. Das ist fast wie beim Grand Prix d’Eurovision. Nur dass wir nicht singen und keine seltsamen Kostüme anhaben.


Fast zumindest. Dafür versuchen sich - während ich draußen ein komplexeres Gespräch über uns als schwierige Spezies führe - drinnen drei Menschen mit dem Origami-Falten. Später feuere ich sie an, halte bildlich den phantasiereich gefalteten Augenblick fest. Origami kann ja auch zum Verzweifeln sein. Doch unsere Mitstreiter:innen halten tapfer durch.


In der Zeit kamen, gingen und kümmerten sich, auch unsere Mitstreiter Ü., S., H. und H. Kleine Mädchen in bunten Gummistiefeln hüpfen in einer Regenpfütze herum. Ein obdachloser Mann fragt nach einer Wohnung, weil auf unserem Tinyhaus das Motto “Wohnungen für Alle” steht.


Eine Frau mit leicht traumatisiertem Hund fragt H. und mich, weshalb die Gneisenaustrasse mit den Platanen teilweise abgezäunt ist. Ich verweise gerne auf das Kreuzberger Quartiers-Management: Einfach hingehen und direkt fragen.


Und dann gesellen sich zaghaft zwei junge obdachlose Menschen zu uns - sie leben nun irgendwie zusammen auf der Straße - und passen aufeinander auf. Sie fragen nach der Möglichkeit, ihr Handy aufzuladen. Dank Solaranlage auf dem Dach, macht H. das möglich.


Langsam fassen sie Vertrauen. Einer von ihnen hat auffällige Ritzungen. Für ihn - er floh vor Kurzem aus dem italienischen Elternhaus nach Deutschland - muss erstmal eine erste Anlaufstelle wie das Bezirksamt “Fachstelle Soziales Wohnen” gefunden werden. Dann suchen wir gemeinsam nach Möglichkeiten, den Tag an guten Orten in unserer Kreuzberger Umgebung verbringen zu können. Mit auch passenden Flyern. Wo es hoffentlich freundlich und warm ist.


Zum Glück findet sich im Tinyhaus eine Tüte mit gespendeten Kleidungsstücken und Handtüchern. Ihre Freude ist zu spüren. Das ist anrührend und erschütternd krass. Otto Normalverbraucher kann sich dieses Leid der oft jungen, manchmal divers gelesenen Menschen aus schwierigen Verhältnissen, kaum ausmalen. Wir erleben das öfters. Zum Glück sind sie aufheiterbar und ich habe gerade einen meiner komischen Momente: sie müssen über den harmlosen Unsinn - über Handy und den Austausch von Telefonnummern (und Origami-Werken) zwischen Flensburg, Finnland und Japan - lachen. Das macht mich froh.


Und schließlich und endlich kommt die Sonne doch noch heraus!


Ich gebe zu: Heute war schon echt besonders. So eurovisionshaft, mit Regenbogen und mit Origami, ist es doch eher selten.


Bei uns kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, die sich ohne unser blaues Tinyhaus und damit unseren solidarischen Verein niemals kennengelernt hätten! Lebendige Diversität in unserem Wohnzimmer im Kiez!


Gunilla

TOK - Team Office Kommunikation (mit Christian, Gunilla und Roland) - Bürgergenossenschaft Südstern e.V.





Über "Das Ohr" der Bürgergenossenschaft Südstern e.V.


Wir hören zu. Wir sind da. 


„Das Ohr“ ist ein empathisches und vertrauensvolles Gesprächsangebot von Menschen für Menschen. Es ist niedrigschwellig angelegt und wirkt gegen Vereinsamung. Es stärkt die psychosoziale Gesundheit durch ein Miteinander im Quartier.

Gegründet wurde es im Dezember 2020 zur Corona-Krise. Als Gesprächs-Initiative und offenes Angebot - draußen am Tinyhaus - um der gesellschaftlichen Vereinsamung und Vereinzelung entgegenzuwirken. 

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1 Kommentar


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27. Apr.

Juhu! Da ist er endlich! Unser schöner, neuer Blog - für frische Gedanken und alles, was teilenswert ist :) LG G.

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